8.12.2008,
Dr. Ulrike Ritter
Tierfotografie
Tierfotografie - klassischerweise ein Teilbereich der Naturfotografie, also durch konventionalisierte Formen und Erwartungshaltungen geprägt: Es warten die Arten, auch Fotografen warten, und Zeichner ziehen die Karten...Ich erinnere mich z.B. an Bücher der Biologie oder der Ornithologie (Vogelkunde), die durch den kleinbürgerlichen Gestus ihrer Zeichnungen auffielen. Und jeder kennt Geo, wissend, dass diese Zeitschrift u.a. damit auftrumpft(e), dass sie das Dokumentarische in wenigen, "besonders schönen" Fotografien präsentierte. Kurzum: die "Naturfotografie" läuft gemeinhin den viel kostengünstigeren, ästhetisch reduzierten Darstellungen der Naturobjekte hinterher, vom eigenen, höheren Leistungsvermögen im Dokumentarischen überzeugt, und zumeist nur unter Rückgriff auf technische Famosa mutig genug, sich von dem eher faden Vorbild der Artendokumentation, ihrem vergleichsweise perversen Urbild der Sammlung aufgespießter Falter, zu lösen.
Was redet die? Nur Wahres, wie immer, denn selbst fulminante Geschenkbücher wie "Tiere" vom xy-Verlag - für 9.95 in diversen Supermärkten erhältlich - versteift sich noch auf Fotos mit reduziertem ästhetischen Effekt: das Tier, "ganz natürlich", so wie es eben im Teleobjektiv erscheit, zwar passend zu seiner Umgebung und in einem hübschen Ausschnitt, aber das ist schon alles. Denn ... die fotografierten Tiere stammen aus aller Welt, also aus Regionen, die den LeserInnen zum Teil noch nicht zugänglich sind oder es nie sein werden: Afrika, Asien, Alaska ...
Von diesen Arten, selbst wenn man sie aus dem Zoo kennt, präsentiert das aufwändige Fotobilderbuch quasi personalausweisende Dokumente. "Beauty" oder gar "Fashion" haben in diese Fotografie noch keinen Eingang gefunden. Geschweige denn, *Kunst*.
Wieder beweisen Zeitschriften (und natürlich das Internet), dass primär durch die Rolle als Partner, Lustobjekt und Liebesobjekt die Tierfotografie beginnt, sich von der Aufzählung des Artenpersonals zu emanzipieren.
Auf die Idee für diesen Bericht gebracht hat uns ein hysterisch anmutendes Designerkätzchen - Hündchen? - nein, nur russischer Abstammung und Zucht - auf der Schulter eines Modefreaks - fotografiert von dem zynischen Fotografen Martin Parr, dem exzentrischen Engländer. Das Tier ohne Pelzmantel, Haut für neue Gestaltungen bietend wie ein Tatoo-Schwein von Wilm Delvoye -, ist in seiner fotografischen und sicher auch bildexternen Wirkung antireduktiv und antinaturalistisch, produziert sogar ganz im Gegenteil den Eindruck inflationsresistenten Mehrwerts - um es antimodernistisch aber wunderbar passend auszudrücken - passend auf die den fotografischen Anlass bietende Design- und Modemesse als Bühne für monetäre Overflowmomente und -phantasien - gleichsam Ikone des erhofften, inszenatorischen Seins des neuen Russlands und seiner missbrauchten(?) Partnerin, dem romantischen England.
Aktuelle Hundezeitschriften beweisen: ja, der ehemals nur treue Pudel hat sich von der Rolle der schweigenden Ehefrau im Hintergrund oder Nebentritt emanzipiert und die anstrengendere und teurere Rolle der stylischen Geliebten übernommen - wenn auch dies noch in den mitunter mühsam erschwindelten Bahnen der fünfziger Jahre. Noch immer ist die "konventionelle" Tierfotografie weit entfernt von den versteckten Alludien gerade erotischer Art, die Maler wie Leonardo da Vinci, Tizian oder Gainsborough in den Heimtieren der Portraitierten auffächerten. Auch der entsetzliche Ernst, den die feinsinnigen Konturen der Beuys'schen Hasen aus Blei oder Fell mit sich herumtragen, fehlt. Doch immerhin: Die Auflösung in ornamentale Dekoration, in ein flächenhaft integriertes, wohlgeformtes Bildelement jenseits von Handlungsbezug oder semantischem Dokumentarismus, hat Einkehr gehalten in lifestylische Zeitschriften wie "Dogs". Die sich dem Beautybereich nähernden Fotos z eigen unsere Lieblinge so, wie man sonst nur Kunst-Modelle sieht - ihre Ruten z.B. so schwingend, sogar unscheinbar hineinknabbernd, wie die Jungmädchen-Models der englischen Fotografin Sarah Jones ihre langen Haarbahnen linear verteilen, also in Posen, die man als ekzentrisch beschreiben könnte oder eben als mutwillig ornamental, den Willen zur Auflösung in die Fläche zwecks Bildwerdung visuell hinausschreiend.
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