Quark-Maske, Kunst oder einfach Quark?
02.01.2010,
Dr. Ulrike Ritter Die Beziehung zur Land Art, die – ursprünglich in der Natur statt im Museum – Natur gestaltet oder umgestaltet, liegt in diesem streng mimetischen Impuls der »Schimmelkunst«. Auch insofern Blazy u.a. klassische Medien und Objekte wählen, um ihr Thema leicht erfahrbar und handhabbar zu machen, verzichten sie vollständig auf eine Kritik an der Institutionalisierung der Naturbetrachtung, die sie vielmehr als Potenzial Erfahrung zu reflektieren, stärken und etablieren.
Dekomposition ist also langweiliger Backlash, Schimmel des Tradierten? Hm… Also, die Werke sind recht lustig. Wir werden das gleich – parallel zum Silvesterfrühstück – zeigen. Zudem geht mit der BacktotheRoots Kunst einher, dass tatsächlich die naturalistische Betrachtung von Welt und Natur, z.B. bei Leonardo und Dürer, sich als monumentalistische Inszenierung von eigenständigem Sein erweist – sei es auch noch so hager oder alt, wie das Modell Dürers einer Greisin. Auch die Stilleben des 17. Jahrhunderts, mit all ihrem Verfall andeutenden Gewusel, zeigen das tote Jagdwild doch immerhin in seiner ganzen ehemals lebendigen, körperlichen Schönheit, selbst die Insekten in liebevollen Details als üppige Formentfaltung der Natur, die jedem noch so geringem Ding oder Wesen liebevoll Gestalt verleiht, wenn auch nur für einen gewisse Zeit.

Hase
© Dürer, 1502
Dekomposition zeigt nun einerseits Gestalt als etwas, dass auch monströse Deformation und Unbeständigkeit umfasst, sich auf Prozesse bezieht und sich der gefälligen Erfassbarkeit durch das Auge eines Betrachters, Besitzers oder Künstlers eher entzieht.
Andererseits wird eben auch – quasi nur konsequenter formuliert – Gestaltlosigkeit vorgestellt, die die Existenz (! – also in ihrer gesamten philosophischen Tiefe, jenseits des Nichts, vgl. Kunst und Nichts artou)) des Formlosen oder Amorphen, des Diskontinuierlichen empirisch vorführt und inszeniert. »Man« bzw. eher in etwa »etwas« muss also kein kontinuierendes Objekt sein, um existent zu sein. Das ist für die klassische Ontologie – die philosophische Lehre vom Sein – ein Problem, gerade zeitgenössische physikalistische Philosophien, die man nicht mit ihren mathematischen Schemata verwechseln sollte, bestätigen jedoch durch Reduktionsversuche auf elektromagnetische Felder und Ähnliches die Idee, dass Beständigkeit der Form eine vereinfachende Hilfsannahme des (menschlichen) Gehirns und der Sprache ist.
*Das Ontische* – tjjaaaaa – also nicht als Form zu denken, ist schwer, aber machbar, ja, nahezu denkbar. Und wir können es jetzt sogar sehen, trau schau wem, den SchimmelkünstlerInnen halt. Jetzt also zum Frühstück und zu den Werken. Schaulustigste Erwartung überfällt uns… das Auge hungert und lüstet…
Während wir uns unreife Bananen ins Müsli mengen, betrachten wir eine Ansammlung irgendwie buddhistischer Tempeltürmchen aus aufeinandergestapelten Apfelsinenschalen in unterschiedlichen Verfallszuständen, mal bereits hübsch braun weiß, mal noch prall orange.

© Michel Blazy
Das Objekt beweist uns, zumal gut fotografiert, dass die Vanitas-Stilleben keine reinen Erfindungen waren, Fliegen und Mücken mit Sicherheit echt, wenn auch ebenso deutlich wird, dass die Beschaffenheit von Obst und Gemüse im barocken Bildertypus nicht die weiche Eleganz, die Smoothness der gereiften Schale erreicht, wie die Apfelsinen von Blazy sie demonstieren.
Le Monde über
Blazys Einzelausstellung
mit 22 Werken im Palais Tokyo berichtet zudem von einer Mauer aus Karotten und Kartoffelpüree, sowie Blumen aus Schinkensoße. Titel des Berichts ist »Qu'est-ce que l'art aujourd'hui?« (Ist das heutzutage Kunst?) Das Video der Ausstellungseröffnung zeigt, dass Blazy sich durchaus hinreichend Mühe gegeben hat, auch wirklich reaktionären Forderungen (!) an die Gegenwartskunst, sie sollte doch bitte handwerkliches Geschick in der Darstellung zeigen – d.h., die Realität so abbilden, wie »jederman« sie sieht und erwartet – gerecht zu werden. So ist z.B. die Mauer, die nach le Monde aus weichen Lebensmitteln hingekleistert ist, eine schimmernde, monumentale Wand, deren Oberflächeneffekt durch ein subtiles Netz aus Linien und dessen Farbeffekten (Karottenrot) – eine klassische ästhetische Wirkung entfaltet, die irgendwie an die emphatischen Lineaturen Gustav Klimts erinnern, somit auch daran, dass Kunst in den artifiziellsten Formen Natur aufzuspüren vermag und sich das, was man als natürlich oder als Darstellung von Natur wahrnimmt, ohnehin häufig wandelt.

Kleines Huhn
© Michel Blazy
Ein anderes Werk zeigt eine Art ländliches Idyll, eine Genreszene als Skulptur, konkret einen Hühnerstall mit Tieren aus Schokolade. Die Formen sind liebevoll ausgefeilt, Federkleid und Hahnenkämme nahezu mit gothisierender Detailfreude ausgestaltet. Etwas wie ein Strohhaufen in der Mitte ebenfalls aus organischen Grundnahrungsmitteln und dem Diskontinuum der Existenz geweiht.
André Magnin, der Ausstellungsdirektor des Palais Tokyo betont, dass es sich durchaus um »großartige« Kunst handelt, die nicht nur durch ihre ästhetische Ausarbeitung beeindrucken will sondern auch durch ihre raumgreifenden, sich ausweitenden, betont existierenden Aspekte.
Eine Rauminstallation aus Kartoffelpürree, das wie ein weiträumiger, flauschig-üppiger Teppich dem Raum eine eigene Qualität verleiht, bildet zugleich das Podest für ein riesenhaftes Tierskelett, das der Le Monde in diesem Kontext wie Hundefutter vorkommt…

Anish Kapoor im Münchner Haus der Kunst
© Anish Kapoor, Ulrike Ritter
Der ästhetische Eindruck ist, wie gewohnt, eher umgekehrt. In ihrem Monumentalismus erinnern die Skulpturen an Anish Kapoor, der auch mit Fett, Wachs und reinem Farbpigment, sowie der Inszenierung monumentaler "biologischer", "nicht existenter" Formen (sogenannter "Voids" z.B. in "Archaeology and Biology", vgl. Arts-On.com "Svayambh - ein irreduzibles Monument, monumental. Skulpturen und Installationen von Anish Kapoor im Münchner Haus der Kunst", 2007-2008, http://www.arts-on.com/kapoor.html) als ›passendes Gegenstück‹ (der feine Sinn des Ausdrucks »le pendant«) zu naturalistischen Materialkünstlern wie Joseph Beuys verstanden werden kann – Vaseline und andere Fette als eigene Darstellungsinstrumente – mitunter im Sinne der Art Déco. Michel Blazy, so wie im Palais Tokyo zu sehen, ist irgendwo dazwischen: Demonstration eigener Materialästhetik, eine Art ironische Bezugnahme auf kunsthistorische Typen, Genre, Stile und Begriffe, Monumentalismus und Seinslosigkeit, deobjektualisierender Zerfall, Dekomposition komponiert halt, »Kompost« im besten Sinne.