Quark-Maske, Kunst oder einfach Quark?
02.01.2010,
Dr. Ulrike Ritter Die Kunst der Dekomposition von Michel Blazy und anderen KünstlerInnen stellt sich den brennenden Fragen von BILD und Le Monde:
Qu'est-ce que l'art aujourd-hui? Nichts
,
Fett
und
Wasser
– von Menschen notwendig erfahrene, von KünstlerInnen der Gegenwart artikulierte Existenziale. Dass es die Tendenz zum Amorphen und Verschwindenden ist, die die Gegenwartskunst in ungezielter Differenzierung zu den Künsten in der Geschichte zum Vorschein bringt, kann wohl weniger als Ausdruck einer abendländischen Untergangsstimmung des 20. und 21. Jahrhunderts gewertet werden – wie berechtigt auch immer sie weltweit wäre :) – denn als Befreiungsschlag der avantgardistischen Kunst gegenüber dem Anspruch, ein Werk vorzustellen, das in seinem erkennbaren »Sein« nicht nur »originelle« Ideen sondern auch Existenz, Quantifizierbarkeit, Wert, Werterhalt, Tradierbarkeit etc. symbolisiert.

Joghurt I
© Ulrike Ritter
Zwar war vielleicht sogar der naturalistische Aspekt der Renaissance-Malerei ursprünglich nicht mimetisch sondern wissenschaftlich-naturkundlich oder medizinisch – insofern, wie die ballistischen und tieranatomischen Skizzen von Leonardo da Vinci z.B., – auch in ihrer künstlerischen Bedeutung aus intentionaler Sicht überbewertet und einstmals mehr für den flüchtigen Alltag der Gedanken gedacht. Aber als Skizzen von Meisterhand sind sie doch, wie der in seiner historischen Rolle ins Monumentale gehende Hase Dürers, tradierbar, berechenbar, eben monumentale Dokumente eines neu kalkulierten Zugriffes auf die Realität in der Kunst. Was in ihnen erhalten ist, ist der Objektcharakter der Kunst und ihres Gegenstandes.
So verwundert es nicht, dass Beobachtungen von quasi naturalistischen Zügen der Auflösung solcher Fundamente aus marginalisierten oder aus Randbereichen der Kunst, namentlich des Films und der feministisch orientierten Kunst stammen. Die Filme sind aus der Feder Greenaways, dessen »Kontrakt des Zeichners« vorführt, wie der »naturalistic approach« des Zeichners von symbolischen Bezügen und sozialen Ritualen auch optisch dokumentativ – wenn auch z.T. unbewusst – so unterlaufen wird, dass die Zeichnungen schließlich darstellen, was sie gerade nicht zeigen, die Intrige gegen den Zeichner und deren Hintergründe, die Geister, die er rief.

© Michel Blazy
In Greenaways »Ein Z und zwei Nullen« verfallen ebenfalls zwei Beobachter ihrem Objekt, zwei Biologen, die Schnecken bei der Selbstversorgung mit biologischen Abfallprodukten zuschauen, geben der Faszination an ihrem Objekt derart nach, dass sie sich selbst (schließlich und zuletzt und immerhin) im Moment des Sterbens filmen sowie ihre Leichname vor den Augen der Kamera den Schnecken zum Fraße aussetzen. Der Film – strenggenommen nicht Greenaways Film, sondern seine Idee eines Films, der Dokumentarfilm der Biologen, ist insofern Primärobjekt für eine Wahrnehmung und veranschaulichende Inszenierung von natürlichen Verfallsprozessen, in diesem Fall auch noch verbunden mit einem sowohl wissenschaftlichen als auch ästhetischen Anspruch.
Auch in der Kunst direkt beginnt das Thema Verfall und Schimmel im engeren Sinne nicht in der symbolischen Tradition der Vanitas-Darstellungen, sondern im Naturalismus und der quasi wissenschaftlichen Dokumentation. Hier sind die Selbstportraits zwischen verschimmelten Lebensmitteln von Cindy Sherman erste international vorgestellte Werke, die interessanterweise zwar die Überlegung weckten, man dürfe sich nun ekeln, aber nicht die Empörung, die dann schließlich im Jahr 2009 die Ausstellung von ›ausschließlicher‹, zugespitzter Schimmelkunst im neuen Pariser Palais Tokyo für Gegenwartskunst weckte – oder auch eine themenverwandte Ausstellung mit Daniel Braeg im Düsseldorfer Stadthaus: »Schimmel-Schau im Museum Ist das noch Kunst oder schon ekelig? Vorsicht, wenn Sie das nächste Mal schimmlige Lebenmittel im Kühlschrank entdecken: Es könnte Kunst sein!« titelte die BILD-Zeitung nahezu theorielastig. Und das, während die Kunsthalle Düsseldorf im Rahmen der Ausstellung »Eating the Universe. Vom Essen in der Kunst« vom 28. November bis zum 28. Februar 2010, also gerade jetzt und aktuell, Werke vom Schimmelteppich bis zur Kinderkotze von international anerkannten Künstlerinnen und Künstlern zeigt.
Während das Stadthaus die Thematik eindeutig auf die Stilleben-Tradition zurückführte, rückte die
größere Einzelausstellung
des international nun zu Ansehen gekommenden Franzosen Michel Blazy, geb. 1966, im neuen Pariser Palais Tokyo für Gegenwartskunst, das Thema überzeugender in Richtung Landart und beschreibt den theoretischen Ansatz der »Schimmel-KünstlerInnen« viel richtiger als »Dekomposition« – also mehr der Dekonstruktion und der Tradition der diskurskritischen Literaturtheorie verbunden als der christlichen Symbolik der Kunsttradition.
»Dekomposition« ist andererseits auch Ausdruck eines neuen bio-physikalischen Realismus, philosophisch gesehen, da kein Diskurs analytisch repräsentiert wird sondern, ganz im Gegenteil, ein natürlicher, bio-physikalischer Prozess zu neuen Ehren der Darstellung kommt. Insofern einfach ein Aspekt der Natur Thema der Dekompositionskunst ist, ist die von der Bild oder auch und sogar Le Monde als schockierend und grenzwertig vertitulierte Kunst konservative Mimesis, auch in ihrem innovativen Aspekt – KünstlerInnen weisen eine vernachlässigte Figuration in der Natur auf – in erster Linie Darstellung von ›naiv‹ Vorhandenem, Übersehenem. Die Dekompositionen, die Blazy, Greenaways Biologen oder Sherman Anlass zu ihrer Darstellung geben, sind diskursresistente natürliche Vorgänge.