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04.02.2009, Dr. Ulrike Ritter

Kunst liest wieder, im Falschen, ohne den Grund für Konzeptkunst verloren zu haben.
Eine Beschimpfung von fast allem und jedem.



Es gibt ein Problem. Nicht etwa, dass sich die Situation seit der MET-Impressionisten-Ausstellung in Berlin für die Autorin dahingehend geändert hätte, dass keine Franzosen oder Amerikaner mehr aus allen Wolken fallen und die Gedanken nun auf Sex als Kunstprojekt – also als ernsthafte Arbeit, wenn auch nicht direkt als Sexarbeit – gerichtet sind. ABER. Zwar trifft das zu. Statt auf Sex als Thema, mit dem man sich einfach ständig beschäftigt, einfach so, lustvoll eben, nun arbeitend. DOCH. Das Problem ist, dass Oli, also der bekannte Konzeptkünstler Oliver Breitenstein aus Münster, Arbeit gefunden hat.

NICHT, dass man sich anders als über das Internet kennen würde. Nicht insofern also. Er ist ja auch Philosoph, und daher häufig bei seiner Kunst-Arbeit mit eigentlich philosophischen Dingen beschäftigt (*wir*, als promovierte Philosophin, sind da ja ganz anders, mehr in die Philosophie der Natur gehend, wenn nicht gleich, wie einstmals die französischen Künstler, direkt in die Natur usw. ....). Oli hatte in seiner Tätigkeit als Künstler-Philosoph schon immer eine Beziehung zu Hamburg, insbesondere zu Pascal Unbehaun, den belesene InternetnutzerInnen als Autor der Webseite für Kunst & Theorie kennen. Jetzt hat Oli jedoch Arbeit gefunden – und als décadente bin ich natürlich, - wie sich zeigen wird – zurecht – dagegen. Denn Olis Arbeit ist in Münster „förderungswürdig“, was ich natürlich – wie sich zeigen wird – unterstütze – nur eben DOCH NICHT SO.

Aus dem nahezu vorgeburtlichen, nur von (allerdings rigiden) Ältestenräten überlieferten Erfahrungsschatz der 68er muss man nun anfangen, die sahen und mitansahen, wie sich junge oder auch ältere Revolutionäre „dem Kapital“ verkauften, dabei keine marxistische Schrift in den Geldbeutel steckend, sondern Grund- und Projektfinanzierungen. Es ist klar, dass, nachdem Günther Jauch, Dietrich Schwanitz und Dieter Zimmer die Öffentlichkeit mit ihren Bildungsillusionen unterwandert haben, auch für Menschen, die kulturelle Projekte bewilligen können, die Situation einfacher geworden ist. Man darf wieder konventionalisieren, das Konventionelle als „Standard“ erwarten und sogar goutieren, anstatt es, wie es eigentlich üblich sein sollte, zu kriminalisieren. bzw. man könnte „kriminalisieren“, wer die Leiche der Dekonstruktion auf dem Gewissen hat – eigentlich ein längst etabliertes Muster des Denkens und kulturellen Handelns – ein entmarxistisierter, entmarxierter , einmassierter kritischer, grooviger Seinsmodus, der immer wieder, wie wir es in unserem täglichen Leben in Bayern erleben, Spaß macht :)

© Matters of Appearance
Also – Pascal hat Derrida, das wird auf www.mattersofappearance.com deutlich, nicht getötet.
Bei Dr.U. weiß man es nicht genau – die seltsame Mischung von eher oberflächlichen Theoretisierungen experimenteller Kunstprojekte mit dem Thema des radikalen Konventionalismus – also mal Auftreten als Nutte oder experimentelles Modell statt als intellektualisierender Blaustrumpf, Leningrad Cowgirl oder goldspray-randalierende Punkerin (dafür reichen hier ja mit harmlosem Goldspray aufgehübschte Schuhe mit einer Zehenbreite über einem Zentimeter) – und dem "ernsthaften" Versuch, mit Markenprojekten Menschen zu ködern und Geld zu verdienen (Doctor Your).. vielleicht mehr ein Symptom der antitheoretischen Tendenz, die sich in deutschen Kunstmilieus deutlich zeigt (Ich liebe mich, obwohl ich scheiße bin....).
Also, warum nicht gleich die sondern Oli? Weil Breitenstein à la Schwanitz meint, er müsste KünstlerInnen empfehlen, die Zeit oder die SZ zu lesen. Und das noch als Arbeit zu betrachten. Das ist schlimmer als Schwanitz – auch wenn es kein Seitenhieb auf die Frauenbeauftragte ist bzw. nicht dafür geschrieben. Denn die Zeit ist erstens nicht die einzige Wochenzeitung, die man aus feuilletonistischem Interesse lesen könnte oder müsste. Und zweitens ist sie auf Papier gedruckt. Das ist, strenggenommen, im heutigen Zeitalter schon fast eine Art Verbrechen.

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