Kunst und Koks
06.12.2009,
Dr. Ulrike Ritter Also, weiße Linien als Bandage. Weich, warm, wohltuend. Leckere weiße Pulverstangen gegen das Ach und Weh. Und Zeit und Muße, sich mit einem Buch zu beschäftigen oder im Internet nach Kunstseiten Ausschau zu halten. Ich erinnere mich an Lotty Rosenfelds Aktion »
Una Milla de Cruces sobre el Pavimento
«. Die Kreuze, die die Künstlerin zur documenta 12 auf die Straße malte, wurden von der städtischen Straßenreinigung eiligst entfernt, denn auch wenn Kassel Kunststadt ist und sein möchte, die documenta ist doch nur eine ganz normale Kunstausstellung, die zwar Remmidemmi um das Fridericianum herum veranstalten – Fressbuden, abgegrenzte Skulpturen, Ticketstände, Bookshops – aber – warum sollte man sonst auch Eintritt zahlen – den Kasslern und ihren BesucherInnen nicht einfach Kunst vor die Füße schmeißen darf. Aus der Perspektive der Stadtreinigung also nur logisch, dass, was quasi jenseits des Eintrittspreises auf der Straße herumliegt, nicht Kunst sein kann – wenn es zudem noch zu unscheinbar ist, um z.B. als »Schnitzeljagd« im Kassler Verkehrswald auf die documenta im Innenraum hinzuweisen.

© Dr. Ulrike Ritter
Aber nehmen wir die Kunst ernst. Mit der inhaltlichen Offensivität vieler anderer Werke wies auch Rosenfelds Aktion auf das Alltagsproblem der Selbst- und Fremdgefährdung hin, darauf also, dass wir bei aller Mobilität unseren Alltag nicht wirklich im Griff haben sondern dessen Probleme einfach ausblenden. Wieder weiße Linien Skisport – Jelineks »Lust« – ganz generell die Auseinandersetzung mit Sport als Freizeitunterhaltung und körperbetontem ›Ausgleichsverhalten‹ – das Skifahren, das neben umständlichen und schlecht – oder überorganisiertem Rauf-Runter eine irgendwie positive Körpererfahrung bietet – und vor allem Spannung, suspense pur: nicht nur bei Jelinek ziehen sich diese weißen Linien der Abneigung gegen die Kombination von Selbererholung und Spannungserleben – vielleicht ›phallisch‹? – durch den literarischen Text – tänzerisch feminisiert und zugleich in der Kameraperspektive nur von der Atlanta-Szene in Selznicks »Vom Winde verweht« erreicht, ziehen sich weiße Linien auch durch die längsten alpinen Filmszenen der gesamten James Bond Reihe. Nicht zu fassen, dass selbst so untheoretische Künstler wie der Augsburger Christian Hörl, nicht-repräsentationalen Formen in der Kunst und Kultur auf der Spur, die noch immer umrätselten Landschaftskalligrafien der Hochkulturen Mittelamerikas mit Formen sportlicher Körperformung und -disziplin verband. Was als Diziplin und Triebverzicht erscheint, offenbart sich, wie Jelinek wohl am besten verdeutlicht, als typische Form der unbewussten Triebverschiebung und -sublimierung. »Spannung« also zeigt sich als Substitut für sexuelle Erregung, der kalligraphische Schwung… hm… ganz gesellig daran, es kommt mir nicht notwendig phallisch vor, vielmehr gerade in den ästhetischen Fundamenten durchaus mit männlichen und weiblichen sexuellen Erfahrungen und Gegebenheiten vergleichbar, metaphorisiert.
Zugleich ist diese »arché« ja nur ein basic, eine irgendwie wirkende Substanz in den alltäglichen sportlichen und verkehrstechnischen(!) Ambitionen. Was wir tun, wenn wir Auto fahren oder reiten, Ski fahren oder Turm springen, ist natürlich auch etwas komplett anderes, viel mehr, vor allem auch hochgradig kognitiv, konzentriert, edukativ, sozial, asozial, tierfreundlich oder -feindlich, einfühlsam oder ignorant etc pp. Somit lässt sich auch der mörderische oder selbstquälerische Aspekt solcher Alltags- und Freizeitvergnügen nicht unbedingt auf diese Wirkung einer metaphorischen Dynamik unseres Denkens und Fühlens reduzieren. Vielmehr könnte man sagen, dass die Unfallgefahr ausgeblendet wird, weil sie – als Gefahr der körperlichen Verletzung – auf den körperlich-sexuellen Aspekt – den eher verheimlichten Aspekt des Lustgewinns – hinweist. Der Autoindustrie, die natürlich ständig phallisch-sexuell für ihre neuesten Modelle wirbt (man denke an die Audi-Kampagnen der letzten Jahre in leuchtenden Fleischfarben), kommt dieser Hinweis auf den sexuellen, d.h. ja lustvollen Gehalt aus der falschen Richtung – eben gleich als katholisierendes Vanitasschwert. Zugleich konnotiert dieser Industriezweig sportliche Spannung eher phallisch – wobei die zunehmend rundliche, von Linien durchbrochene Form neuerer Wagen dieses Prinzip vielleicht aufweicht – auch die Audikampagne ließ die geschlechtliche Identität des ›Urbildes‹ durchaus offen…
Und Jelinek – das kritische Aufzeigen, wie die Dynamik der verschwiegenen Lüste umkippt in fröhliches Todestreiben? Unfallekstasen, unbewusste Herbeiführung? Jelinek kehrt auf jeden Fall das Masochistische auf das Parkett, das sich, wenn wir bei den sportlichen Vergnügen jammern, als sozial akzeptabler erweist als die reine Bewegungslust, die uns bei Aufsprung oder Abfahrt erfasst. Als Kritikerin unserer kulturellen Präferenzschemata verdeutlicht Jelinek, wie Lust in Verletzungs- und Todessucht umkippt, als unzureichend analysiertes und bewusstes Nebenprodukt, das zugleich in den Narrationen und Beschäftigungen, aber auch durch seine Präsenz als Regulator, quasi als Bemessungsgrenze des Verhaltens, bei allen Vergnügungen anwesend ist. Die feministisch-kritische Dimension von Jelineks Literatur beginnt, wo diese Gegenwärtigkeit überschwappt zum alles beherrschenden Bad in Gefahren, Verletzungen und Beschränkungen. Insofern dies per Rollenkonvention den sorgenden Müttern, den mitempfindenden Freundinnen und den ängstlichen Mädchen nahegelegt wird, ist die Tendenz zur eigentlich vernünftigen Bewusstheit über Grenzen des eigenen Lusthandelns kulturell deformiert zu einem erzwungenen »falschen Begehren«. Frauen, Omis und Mädels, sofern sie sich der sportlichen Lüste erfreuen, sehen sich quasi sozial veranlasst, die masochisctischen Aspekte dominieren zu lassen und Verletzungsängste und -bewusstheit dem positiven Lustgewinn voranzustellen.
Zurück zu den »croces sobre«. Der vulgäre Realismus der Straßenreinigung besteht darin, dass man dort, wenn überhaupt bewusst überlegend, meinen muss, dass das Unfallrisiko im Straßenverkehr genau dann weitestmöglich reduziert ist, wenn nichts, was nicht auf die Straße gehört, sich auf dieser befindet und den Verkehr, seine Zeichensprache und seine Signalkonventionen irritiert.
Rosenfeld hingegen lebt in ihrer Aktion genau das Gegenteil aus: Die warnende Stimme erzeugt auch die Gefahr, auf die sie hinweist, – der Antigone-Mythos lässt grüßen – die Irritation der Zeichenkonventionen inszeniert mit der lustvollen Energie des Theatralen den Rollenauftrag des von Negativität bestimmten Ermahnens, bis hin zur Anstößigkeit, – im Zusammenstoß mit der Stadtreinigung – Wahrnehmung allerdings vorausgesetzt. Der eigentlich kritische Impuls der weißen Streifen und Kreuze, die Rosenfeld vergeblich zu inszenieren versuchte, ist also mehr das Aufzeigen der rollenkonservativen Befangenheit im negativen Schema des Warnens und Ermahnens, quasi kirchlich-religiös. Dieses Verhalten, wirkt, angesichts überwiegend funktionierender Koordinationssysteme wie dem Städtischen Straßenverkehr irgendwie defizitär oder gar obsolet. So wie man eben keine Drogen nimmt, also nicht kokst, weil es eben so ungesund ist und uns zu Fehlverhalten antreibt – weil es sozusagen über das gesetzliche Verbot hinaus noch einmal vernünftig ist, nicht zu koksen. Wir regeln also Skifahren, Straßenverkehr, Reiten, Hallensport, Schwimmen etc. einfach richtig, sodass so gut wie nie etwas passiert. Alle halten sich brav an die Regeln. Aber dann das Prinzip des Weiterkommens, des sich Forderns, der Entwicklungsbewegung… plötzlich nicht auf den Zaun zu sondern auf die Mauer… der Übergang zum Motorsport und dann war da diese Geschwindigkeitslust…
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Dr. Ulrike Ritter
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