Kunst und Koks
05.12.2009,
Dr. Ulrike Ritter White Lines in der Kunst und der Wert von Rennssportsimulationen am Computer.Kunst und Koks = White Lines. Statt des White Cubes, der unbefleckten Galeriewand, die sich willig der Exzentrik der Avantgarde anheimstellt, mischen sich White Lines in die Kunst ein. Wann, mit wem und warum? Nun, gelegentlich halt – womit um Himmelswillen nicht der Konsum von verbotenen Rauschgiften gemeint ist sondern Anderes, der näheren Betrachtung wert.
Wir denken dabei z.B. an die linienartigen, die Bildfläche strikt horizontal durchziehenden white spaces von Agnes Martin. Weiße Farbstreifen wechseln in diesen Fällen ihre gestaltende Kraft einfach mit den geraden oder krummen Linien aus Bleistift oder Farbe, glänzen acrylig-silberlingelnd, erhellen so, vom naturweißen Bildgrund nahezu komplementär entfernt, die schimmernden Farbflächen, verdeutlichen die transzendierende Kraft der handwerklichen Fundamente, wenn sie, wie bei Agnes Martin, mit erschütternder Ernsthaftigkeit zum Thema werden wie eben das Weiß in Streifenform und dessen Vermögen, andere Farben mithineinzureißen in ein überhöhendes Leuchten. Ja, wir reden von pastelligen Farbkombinationen, nicht nur grau und hellblau, zartes Rosa mischt sich ins gestreifte Quadrat, ohne vertrieben werden zu können mit böswilliger Väterlichkeit, diese Farbe sei viel zu süß, um sich mit so ernsten Angelegenheiten umzutun. Also wirklich, voilà, es gibt die Kombination von Weiß und Rosa in den Werken von Agnes Martin, in irisierendem Metallicschimmer hochwertiger Acrylfarben und zarter Grafitlinien, durchleuchtet mit strahlendem Weiß.

Untitled (Ausschnitt)
© Agnes Martin
Mein Blick schweift ab aus der Erinnerung an die Schönheit von Originalen auf ein Turniermützchen in Weiß und Rosa für einen Rappschimmel… vielleicht noch eine rosafarbene Rose auf die weiße Satteldecke sticken…? Oma/Omi, lebtest du noch – hätten wir uns jemals gut verstanden – wärst du noch nicht Oma gewesen sondern noch mit flotten Fingern versehen – meine zweite Abschweifung führt mich zu der Einsicht, dass Gebären mit 17 – sodass die Mutter dann gerade volljährig ist und sich gegenüber den Hebammen und Krankenschwestern behaupten kann, insbesondere gegen deren Sucht zu vertauschen, zu trivialisieren, anzueignen, besser zu wissen und zu verklären …dass also dieses Gebären mit 17 wohl der rechtsideologische Hintergrund der Jungmädchen-Narrationen (will sagen, belletristischen Ergüsse) ist, in denen die Oma immer noch wach und jung genug ist, um am Leben der pubertierenden Enkelin interessiert zu sein. Modernes Spätgebären jedoch schaltet die Oma aus dem Erziehungszyklus nahezu aus: 30 + 30 + 15 = 75 . Zwar existieren immer mehr fünfundsiebzigjährige Omas, aber die Bereitschaft, sich auf die Sorgen der Fünfzehnjährigen einzulassen, wächst kaum mit – eher wird die generationsfremde Oma zur bedrohlichen Bastille eines Diskurses aus Überwachen und Strafen, in dem jeder Geldschein durch selbstgefährende Buckeltänze errungen werden muss… Also, gesticktes rosa Röschen ade, ohnehin sind wir längst in dem Alter, in dem wir bei hinreichend sozialer Schwäche und brauner Gesinnung selbst Oma wären, aber immerhin, es gibt Rosaweiß auch jenseits geschlechtsspezifischer Normierung, treten wir also an.
Vor den Prüfungen einige Whitelines ? Nein bzw. nur in der Imagination. Wir stehen also – quasi beide in Rosaweiß – vor dem Spiegel, mein Wallach und ich, aufgeplustert und mit Zöpfchen aufgebrezelt, aufgesteckt, hochgesteckt etc. Die Blicke sind verliebt, begleitet von vorfreudigem Schnauben und liebkosendem Gurren. Nun sind ja weder mein Pferd noch ich kleinbürgerliche Spießer. Vielmehr denken wir an Alice in Wonderland, die auch mal größer (älter) mal kleiner (jünger) werden konnte, wenn auch ohne es selbst zu wollen oder kontrollieren zu können. Und durch den Spiegel ging… Auf unserer Spiegelfläche bieten sich also, schlagartig, wie um mit dem Jungmädchenglanzbildchen endlich Schluss zu machen, zwei krümelige Zuckerspuren an, natürlich nicht aus Zucker, aber wie durch ein antiphysikalisches Wunder an der senkrechten Fläche haftend und dort auch einfach ohne umständlichen Realismus der Beschaffungsmaßnahme hingekommen.
Mein Pferd nimmt frech seine Zunge, ich dezent ungeübt den Zeigefinger, dann ab mit dem Staub durch die Nase und nach Sekunden des Taumelns dann an den Start – wie, Einstiegsniveau? Wir fordern die Zulassung zum S-Springen, mindestens 1.60 hoch und tief bitte, werden auf dem Abreitplatz beschimpft, weil die drei (oberen) Stangen wie durch ein erneutes Wunder jedes Mal fallen, wenn wir sie überspringen – oder reiten wir einfach durch? Später im Gelände kann man zum Glück die Höhe der Baumstämme nicht ändern, die sind einfach so niedrig, also hopp und hopp und hopp..noch den Wall dazu, den Steilsprung zum Bergabgalopp am Hügel…
Später in den weißen Leinen, hochrechteckig, des Krankenhauses, erfahre ich, dass das Pferd überlebt hat, ich ebenfalls. Natürlich keine Platzierung, wegen des Zauns, der tatsächlich die Begrenzung der Geländestrecke, nicht aber ein Hindernis war, obwohl er uns eindeutig im Weg stand. Die Parcoursskizze war uns ja egal gewesen. Doch auf ein falsches Verlassen des Parcoursplatzes steht nun mal die reiterliche Todesstrafe, der Ausschluss. Nun, und hoch war er auch, der Zaun… mein Wallach ein Senkrechtstarter…ich wollte linientreu durch…