Unter der Galerie
25.03.2010,
Dr. Ulrike Ritter 
BatmanGallery, 2004
© Courtesy Sammlung Goetz, Fotograf: Roman März, Berlin
Berichte aus der und über die Privatsammlung
Goetz in München.
Mitten im Villenviertel des Münchner Stadtteils Bogenhausen findet sich rechts bzw. östlich relativ unvermittelt der Münchner Bürgerpark, sehr viel städtischer als der Englische Garten, durch Mauern und Beschilderungen deutlich als städtischer Veranstaltungsort für welche Freizeitvergnügen auch immer gekennzeichnet. West- oder linksseitig hingegen persistiert die stille Folge supraocularen Mauerwerkes, hinter dem sich - vermutlich, nicht vermeindlich - die städtischen Villen, urban abgeschirmte Häuser-wie-auf-dem-Land verborgen halten.
Doch bei unserem Besuch weicht die Situation signifikant ab: eine Tür steht auf, einladender als man es von außen erwartet, denn schließlich erwartet man innen Gäste, die den Weg quasi direkt durch den Garten und eine Art Terrassentür in das schön und schüchtern anmutende Privatmuseum der Sammlung Goetz finden sollen. Schneebestöbert steht man unvermittelt in einer freundlichen Bibliothek, um sich wohlig-konventionell im holzbetäfelten Untergeschoss "frisch" zu machen und dann sogleich in die kunstschwangeren Räume hineinzuschwirren. Die überirdische Irritation - bewusste Instrumente gegen Einbruch und Überfall? Gleich gegenüber im Garten steht noch ein zweiter Bau, der konventioneller wirkt und weitaus eingangsähnlicher seine Front zum Besucher öffnet, der durch die Gartentür hineinkommt. Ähnliche Eingangsfinten kennt man vom Museum der Moderne in Salzburg, das ebenfalls nicht unmittelbar vom landschaftlich-geografischen Ort des Ankommens aus zugänglich ist, sondern seinen Eingang unterirdisch versteckt hält - ganz zu schweigen vom Louvre und seiner Eingangspyramide.
Packen wir die Sammlung am Schopf, insbesondere der aktuellen Ausstellung, und betrachten sie mit den Augen ungeschickter Kunstdiebe. Sie laufen auf den Bunker gegenüber dem Gartentor zu und lassen sich dort zum ersten Mal von den Videokameras in Ganzkörperportraits erfassen? Das wissen wird nicht. Spätestens aber im Eingangsbereich, in der Bibliothek - die sie, wissend um den geringen Wiederverkaufswert von Kunstbüchern, sogleich verlassen - sind Monitore eingewoben in die Bücherwelt der gefüllten Regale. Kein Schritt oder Blick der Diebe in ihrer Suche nach wiederverkäuflicher Kunst bleibt nun unbeobachtet. Sie stürzen ins Obergeschoss und finden dort, geziemiglich, die "Galerie Batmans" von Andreas Hofer: "Andy Hope", signierend "1930". Diesem verdeckten Freiheitskämpfer ist es mit seinem Werk gelungen, im Rahmen der Eliteästhetik der Bildenden Kunst eine Konkurrenz zur Antiästhetik der Schaubuden aufzurichten, die nur verstehen kann, wer sich schon als Kind gefragt hat, warum Geisterbahnen, Schieß- und Losbuden geschmacklich zumeist unbeschreiblich abstoßend sind. Hope konkurriert durch mit Paravants überdachte Treppchen, 'primitiv-gothisierend' eingeschnitzte Schriftzüge, entsetzliche Skizzen und Bildchen, entsetzliche Rahmungen etc. in jeder Faser seines Werkes mit den vereinfachenden Darstellungsstrategien der Horror- und Sensationsästhetik, die vor allem durch wenige, aber einfach und extrem ausgestaltete Züge auffällt: Farben mit viel Schwarz, starke Kontraste, grobe, unregelmäßige Konturen, Kompositionen fallen auseinander, übertriebene Symbolik beherrscht Themenwelt und Detailmotivik. Für die Diebe, aufgewachsen zwischen Splattervideos und Softpornos, wahrscheinlich zuviel Pubertät, zuwenig sexueller Impuls, aber immerhin in etwa so wie die Kunstvideos von... diesem komischen Berliner Regisseur, in dessen Werk sie sich einarbeiten mussten, wie hieß der doch gleich - Jörg Buttgereit - Nekromantik? Ah ja, mit der hübschen Bekloppten, die sich nachts Leichen vom Friedhof für sexuelle Späßchen organisiert ...Hm, aber die Batman-Galerie sieht ja noch oller aus, also dieser Andy Hope hat sich nun wirklich gar keine Mühe gegeben, ist ja auch schon so ein Opa, geboren 1930, also ne... na, mal weiter sehen. Vielleicht die goldenen Flügel an der Wand , aber das ist nur bemalte Pappe, kein echtes Gold, das lohnt sich also auch nicht...

Trans Time, 2006
© Courtesy Sammlung Goetz, Fotograf: Roman März, Berlin
Die neueste Ausgabe der "Art et Antiques" unter dem Arm, flitzen die irritierten Kunstdiebe durch die Bibliothek aus dem Obergeschoss zurück ins Souterrain. Dort, direkt neben der Garderobe, immerhin einige Zeichnungen in Acryl und Tusche auf Papier oder Pappe, gerahmt, die sehen gerade noch ganz elegant aus, dann mal runter damit. Doch schon der nächste Raum, erst schwarz abgemauert wie ein ägyptischer Pyramidenschatz doch dann, worst case - nur ein Hologramm? Eine Schaustellerpuppe inmitten von mittelmäßigen Bildwerken, Objekte, die von den "Second Hand" Märkten der Berliner Armenviertel Kreuzberg 61 & Co. mehr als bekannt sind und hier plötzlich mehr wert sein sollen? Das kann nur falscher Schein, holografisch sein, denn wer um Gottes Willen sollte so etwas im Original aufwändig herstellen? Die Diebe fliehen aus der Welt dieser Wertillusionen und landen schließlich im BASE 23, wo schnell und kommentarlos goldschimmernde, kleine Bildwerke in hübschen, ebenfalls goldlackierten Holzrahmen, in Richtung der großen Einkaufstüten der Entwender den heiligen Hallen entwunden werden. Später wird sich herausstellen, dass es sich bei den vermeindlich goldüberzogenen monochromen Bildtafeln um Goldfarbe auf Wellpappe handelt. Auch die wertvoll gorgisierend-schlangenhäuptige Standuhr präsentiert ihre Fangarme und Intarsien nur als gemalte und sogar lediglich aufkopierte Scheinwelt aus und auf Wellpappe [Aber welch Weisheit - wer erstarrt nicht, wenn er nicht nur auf die Uhr schaut sondern sieht 'wie die Zeit vergeht'?] . Die Kunstdiebe, trotz Schulung durch "Kunst & Antiquitäten" doch noch ihrer Kindheit auf dem Jahrmarkt eingedenk, beginnen, sich wohlzufühlen.