Akzident, Inzident und Immanenz
27.02.2010,
Dr. Ulrike Ritter Die Gegenstände erinnern vom ersten Eindruck bis zum abschließenden Kontrollblick an Möbeldesign, das einen Schritt über die Prototypen der Achtziger hinausgeht: Es ist komplett dysfunktional. Das Regalobjekt ist als Regal nicht zu gebrauchen, die Bodenobjekte sind nicht zum Sitzen geeignet usw. Kunst unterscheidet sich also vom Möbeldesign, so lernen wir in dieser Ausstellung, durch ein funktionales Defizit. Aber macht ja nichts. Denn seit Augsburg von der CSU und den Freien Wählern regiert wird, sind ohnehin in der Kunst nicht mehr die Werke entscheidend und deren Eignung zur Präsentation sondern die Urheber dieser Werke. Das begann mit dem Liebling eines Lieblings, Alexander Knych, ausgewählt von Markus Lüpertz, der in den Hallen des Schaezlerpalais einen Preis verliehen bekam und den Kunstsammlungen und Museen eine mehr als einfältige, antimodernistische Skulptur schenken durfte. Es geht nun weiter mit Florian Balze, der durch Betuchtheit und etwas elite-englischen Schliff - wie das neue russische Publikum in Augsburg es liebt - für eine Einzelausstellung ausgezeichnet geeignet ist - weit mehr als seine eher extrem uninteressanten Werke.

Ausstellung von Florian Balze
Wie Gegenwartskunst sich der Idee des Designs und der Möblierung nähern kann, ohne die eigene Konzeption, die Freiheit der Kunst und den eigenen Anspruch fallen zu lassen oder auf einen 'flatus' zu reduzieren, zeigen ja z.B. die Werke von Esther Stocker, deren elektromagnetische Felder als Rauminstallationen mitunter von der Künstlerin bewusst in die Nähe zu Bestandteilen eines Mobiliars gebracht werden, aber eben um wirkliche begriffliche Spannung zu erzeugen und nicht um mit Seichtigkeit zu enttäuschen.

CUL IS COOL ist eine herrlich neue Art des Sitzens – federleicht, sinnlich und humorvoll.
© Ramón Úbeda & Otto Canalda Doch wir sind keine Gegner des lustigen flatus und des Mauerfalls. Deshalb zeigen wir nun noch einige Beispiele, die Möbeldesign als gehobene Spaßvögelei (ja, wir denken hier ans sogenannte Vögeln) erscheinen lassen. Die Rede ist von BDBarcelona, die spanische, anti- und postfaschistische Legende, die das Fähnchen der witzigen und beherzten Modernität noch nicht wieder frankistisch umgefärbt hat. bdbarcelona hat jüngst entdeckt, dass TotalSchwul immer noch ein hemmungsloser Hit ist. Unter Betuchten, die sich Möbeldesign leisten können und wollen. Deshalb gibt es dort, im Internetshop von bdbarcelona, nicht etwa unsitzbar genitalische Skulpturobjekte, sondern neue Sitzideale in der Form schicker Herrenpopos: CUL IS COOL ("Cul" ist auch der katalanische Name für den Hintern).

CUL IS COOL
© Ramón Úbeda & Otto Canalda
Idealsitze, die gleich ganze Konferenzräume füllen können, ungefähr so (Abbildung links). Die Krise einfach aussitzen, bestätigt hier auch der Reiter, umgeben von homoerotischer Doppelsinnigkeit, sodass entweder mit japanischer Haifischflosse oder zumindest mit Stäbchenkost gekrönt die Mittagspause mit Sicherheit im Konferenzraum selbst stattfinden kann.
Da jugendliche Praktikanten und Sekretäre (resp. Assistenten) ja zumeist schwieriger auf Rangordnungen hinzuweisen und einzuschießen sind als ihre weiblichen Vorgänger, bietet bdbarcelona neben den 'CUL is cool' Sitzobjekten für den gehobenen homosexuellen Kulturmanager auch noch Teddybären mit sex d'ajouté an:
Die Rede ist vom 1) "Oso Libidinoso in schwarz aus Plüsch" und vom (2) "Oso Deluxe in gold aus seidigem Metallic-Gewebe"; wobei neben den offensichtlich liebreizenden Fotos auch die Produktbeschreibungen nicht müde werden, auf die Überzeugungskraft der Plüschbärenerotik einzugehen. Versprochen wird nicht nur geschlechtliche Eindeutigkeit sondern auch die auffällige Pracht des
Teddybärengemächts
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Wir erinnern uns an Koons, den Hasen, Johannes den Täufer und seinen Finger....Mit diesen Teddybären hingegen ist gut kuscheln, das herzige Gemächt erinnert mit etwas gutem Willen an die Bananen-Bratwust Brandolinis, vielleicht gelingt es mal frechem Design dieser Art, die arme Bischofsstadt Augsburg wieder aus ihrer schwarzen Umnachtung herauszuholen, einfach durch Einladungen zu Kulturkonferenzen in Barcelona, featuring new interior design...
Dr. Ulrike Ritter
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