Akzident, Inzident und Immanenz
27.02.2010,
Dr. Ulrike Ritter ... vom freiheitlich-frechen Flatus zum fade- fehlfarbenen Retro-Stil in der aktuellen deutschen Kultur. Ein Vorwurf von Dr. Ulrike Ritter.Beginnen wir mit einigen Bildern von
Sandro Chia
aus den Achtzigern. Ob Barock oder Futurismus, alles etwas hyperallegorisiert, eigentlich eher komisch, wenn nicht komplett unheroisch bis ins eben Komische. An die Stelle der Schüler des Meisters oder der entzückenden Modelle treten bei Chia die "little bears", liebe kleine Bärenfiguren.

Incident at the Cafe Tintoretto, 1981, oil on canvas, 256.5 x 340.3 cm
© Sandro Chia

Incident at the Cafe Tintoretto, 1981, oil on canvas, 256.5 x 340.3 cm
© Sandro Chia

Speed Boy, 1981, oil on canvas, 204 x 205.7 cm
© Sandro Chia
Das offensichtlich der zeitgenössischen Trivialkultur entnommene Motiv des "Kleinen Bären" trifft schon in den Achtzigern ungeahnt ins Schwarze, wie sich im Weiteren zeigen wird.
Es war in diesen goldenen Achtzigern, als die Kunst, genauer, die Malerei, sich in Abwehr und Abkehr vom intellektualisierenden Dogma der Konzeptkunst wieder dem dröhnenen Witz und der farbenfrohen Narration zuwandte.
In einer unterhaltsam avantgardistischen Ausstellung im sonst so unscheinbaren Bielefeld präsentierte der damalige Kurator des Hauses, Erich Franz, später Kurator in Münster, die drei Italiener Enzo Cucchi, Sandro Chia und Francesco Clemente.
Chias 'flatus', die Rückenansicht eines sich gelbfarbend sichtbar entlüftenden Mannes in einer blauen Grotte, ähnlich dem Speed Boy und dem Inicident in den Abbildungen oben, war Hammer und Schrecken zugleich, Extremsymbol der "Neuen Wilden", die dann in der deutschen Version von Salomé und Elvira Bach jedoch viel harmloser und etwas uninteressanter waren als die doch auffällig idiosynkratischen und - oder kritisch - narrativen Italiener. Der 'flatus' erweist sich retrospektiv sogar als eine Art Leitmotiv der zitierenden, dekonstruktiven Kunst von Chia.
Insbesondere dieser, der Derbste, Chia, wurde dann auch mit ebenfalls lustvoll extremen Methoden im Kunstmarkt auf und abgeworfen, - wie man weiß - wir berichteten - durch den Werbemagnaten Saatchi bzw. die Galerie zur berühmten Werbeagentur.
Ebenfalls in den Achtzigern boomte in Berlin das avantgardistische Möbeldesign, das freiheitlich-frech mit italienischem Einschlag Scherze in die Wohnzimmer- und Teppichgestaltung integrierte (Andreas Brandolini), Narrationen (Christian Obst) oder sich "wilder" Materialien in Anlehnung an die Objects trouvés der Moderne (Stiletto) bediente, also z.B. einen Einkaufswagen zu einem Sessel verbog oder Schläuche aus Duscharmaturen zu Lampen umfunktionierte.
Schließlich explodierte auch, quasi früheuropäisch, das schwedische und spanische Objekt- und Möbeldesign von der Funktionalität hinein in eine Welt aus Stories, Löffeln als Sexobjekten, rasender Unbrauchbarkeit, erster ökologischer Vernunft (Recycling!), Kunstnähe und Experiment.
Das Ergebnis dieses gehobenen Schenkelklopfens, abgefeiert vor allem in der seit Ende der Siebziger Jahre viermächteabgekommenen, aber noch geteilten Stadt Berlin war, salopp gesagt, der Mauerfall. Kurz: Das westdeutsche Ende der Bauhaus- und Konzeptkunsttraditionen war in etwa vergleichbar der Beschallung Kubas mit der Musik der Rolling Stones durch die USA, nur viel wirkungsvoller.

Die Bratwurst mit Blick auf den Temperaturregler, eigentlich suchend den Kamin, der listig als Teppich unter ihr funktelte, all das im klassisch-modernen Wohnzimmer, mit der der Möbeldesigner Brandolini auf der documenta 8 reüssierte, war insofern ähnlich extremsymbolisch wie der flatus von Sandro Chia: Die Enthemmung und Lustinnovation der 80er ließ sich für die "Ossis", denen ihr fehlfarbenes Grau zu bunt wurde, auf gelbe Bananen und Uhsische Dessous reduzieren, zumindest erst einmal. Beim ersten Ansturm, der ersten Welle über Berlin.
Und heute? Warum das Geschwafel von alten Zeiten? In unseren neuen Zehnern geschieht nun das Seltsame, dass diese Achtziger, die eigentlich durch und durch bewusst, zwar schenkelklopfend, aber auch selbstreflexiv und kulturironisch gewesen sind, wiederholt werden in gezielten Retrostilen, wie einstmals die Fünfziger, die eben das von den Achtzigern unterschied: Die Fünfziger waren hemmungslos schlicht und natürlich unreflektiert, insbesondere in ihrer Inszenierung von Wirtschaftswunder und neuer Weiblichkeit, eben mit der 'Folge' der dieses Frauenbild kritisch beäugenden Siebziger Jahre. Die Achtziger waren offen 'enthemmt', kritsch und selbstkritisch, aber sowenig antikommunistisch wie die Musik der Stones. - Und stehen jetzt da als anchor-objects der gelungenen Zusammenfügung. Nun, warum nicht! In der Art und Weise, wie nun die Achtziger wieder aufleben, findet sich dieser Aspekt jedoch gerade nicht. Die Welt, die die Achtziger als Urheber aktueller Designtendenzen entdeckt - in gewisser Weise in den Spuren von Volker Albus, dem Autor und theoretischen Begleiter des Designs der 80er - reduziert den Einbruch der Ver-Rückung von Dingwelten, wie er für die Achtziger typisch war, sei es Duschschlauch, Einkaufswagen oder Bratwurst - auf Materialien wie Beton und Stahl, Beton und Glas, Beton und Beton... Mit Entsetzen lese ich, dass der Beton zum Teil sogar bemalt wird... Irgendwo liegt bei meinen Verwandten noch so ein Stück bemalten Betons herum, wie sie 1990 zu Tausenden in Berlin verkauft wurden....Aus aller Welt reisten Touristen an, um sich so ein Stück bemalten Betons aus der Berliner Mauer zu hackseln oder es zumindest auf dem Kudamm zu kaufen. Bemalter Beton als Retrostil der Achtziger, als neue, unscheinbar formalistische Designaufgabe, erschreckt mich.
Die WELT
über 80er Retrodesign.
Gnadenlose Blindheit herrscht gegenüber dem Problem der Immanenz und der Geschichte, in der sich Kultur, eben auch Design, als Ausdruck, mitunter auch Instrument des Zeitgeschehens bewegt. Die Zehner-"Generation" ist geblendet und weichgekocht? Nicht ganz, denn, so erschreckend wie möglich, ist die neue Seichtigkeit des Seins zumindest im Moment genuin deutsch. Bevor jedoch die spanischen Antidots auf das E-Papier gerufen werden, soll noch ein deutsches Beispiel für die Verkehrung des Chia'schen flatus in deutsche Seichtigkeit gegeben werden. Wir haben es so verschwommen fotografiert, wie es - als Kunst präsentiert in der Neuen Galerie im Höhmannhaus - kulturverwaschen und verschlafen ist. Die Farben sind wirklich eher abgetönt als leuchtend bunt, wie es quasi farbstoffangereicherte Pressefotos nahelegen!

Ausstellung von Florian Balze
Florian Balze
namentlich, tritt mit Objekten als Künstler und Bildhauer auf, die den Vergleich mit avantgardistischem Möbeldesign relativ zwingend nahelegen. Seine Objekte erinnern an Regale, Sessel, Stühle, Tische, die Farbgebung sowohl an die Italiener der Achtziger als auch, weil etwas abgetönter und mit viel Beige und Braun gemischt, an die Fünfziger. Wer so Retro ruft, wird auch als Retrospektiver wahrgenommen. Aber in der Kunst gab es ähnlich - böse gesagt "Geistloses" - eigentlich bisher nicht. Balzes Werke sind weder minimalistisch noch formalistisch. Form oder Material werden weder erschließend noch dokumentarisch exemplifiziert[?]