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Atelier Rede zum 41 Geburtstag von Henning Koehler

Liebe Freunde,
Liebe Gäste,
Lieber Phil,
Sehr geehrte Festgemeinde,

Wir haben uns heute hier versammelt um Abschied zu nehmen; um Abschied zu nehmen von einer vergleichsweise ruhigen Phase in der Schaffensbiografie des hier anwesenden Künstlers – so zumindest eine aktuelle Selbsteinschätzung des Mannes, der u.a. von sich behauptet, nichts mit der Ermordung John F. Kennedys zu tun zu haben. Aber zum Thema der „Irritation“ erst später mehr.

Abschied gilt es auch zu nehmen von Phils bisherigem Stil bzw. der Ästhetik und Gedankenwelt des Arbeitszyklus‘ „Anatomie der Melancholie“, dem die meisten seiner Werke der vergangenen Jahre angehörten und der in die Frühphase von Phils grafischem Werk fällt.
Es war die Zeit im Exil in Lindau am Bodensee, die ihn zu dem Entschluss geführt hat, eben diese, für ihn damals neue künstlerische Richtung einzuschlagen, nachdem er zuvor u.a. als Discjockey Klanglandschaften entstehen ließ.
Sowohl in seiner Musik als auch in seinen Bildern sollen dabei Gefühle, Gedanken und ganze Gedankenwelten zum Ausdruck gelangen, für die Worte zu finden kaum oder gar nicht möglich scheint.
Die Komplexität der aufgegriffenen Themen und ihre sich verästelnden Inhalts- und Bedeutungsräume haben den Künstler im Laufe des Schaffensprozesses dabei auf teilweise höchst umfangreiche Recherche- und Entdeckungsreisen geschickt, von der Literatur über die Philosophie bis in die Gefilde der Anatomie, Genetik oder gar der Riffkunde. Nicht zuletzt treibt ihn dabei auch die Neugier, wenn er sich mitunter auf verschlungenen Umwegen einem Thema nähert und ein Motiv – angeblich – manchmal Monate und Jahre bedenkt, umwälzt, neu denkt und dann schließlich irgendwann Pixel werden lässt und auf Papier oder – wie hier zu sehen – Aluminium drucken lässt.

Dass hierbei auch das Terrain des Romantischen gestreift wird, erscheint nahezu zwingend und wird auch – selbstverständlich in variierendem Grad – in den aktuellen Arbeiten sichtbar – ein unromantischer Phil ist bei aller gleichzeitigen Rationalität und punktuell auftauchender Kühle nicht denkbar.


Lasst uns jedoch – liebe Festgemeinde – über das erwähnte Abschiednehmen nicht vergessen, dass zur selben Zeit Vorhandenes in Teilen bestehen bleibt und zudem Neues entsteht, wie an den hier ausgestellten Stücken erkennbar wird.
Geblieben ist z.B. Phils grundlegende Arbeitsweise, nämlich das digitale Verfremden fotografischer Aufnahmen, an dessen Ende ein Verschmelzungs-Produkt steht, das eine gewisse Nähe zur Malerei mitunter nicht verleugnen kann. Neu ist, dass die aktuellen Werke tendenziell eine größere ästhetische Nähe zur Fotografie aufweisen als dies zuvor der Fall war.

Neu ist zudem das – teils etwas verborgen liegende – Leitmotiv der Störung – Störung oder Verzerrung aus technischen Gründen, aus ideologischen oder psychologischen, intendiert oder unbewusst. Ich möchte an dieser Stelle den Begriff der „Artefaktion“ nur knapp erwähnen, nicht jedoch den gesamten einschlägigen Diskurs referrieren. Gezielte Irritationen, Abweichungen von der Norm, die vielleicht sogar als „falsch“ oder „minderwertig“ bezeichnet werden könnten, sollen dabei etablierte Sichtweisen und Gedankengefüge in Frage stellen und ggf. die Aufgabe eines Korrektivs übernehmen. Kritik an einem Zeitalter, das mitunter als eines der digitalen Perfektionierung zahlreicher Lebensbereiche empfunden wird, schwingt dabei mit.
Die angefügten Texte bzw. Textfragmente gehören hierbei als unabdingbarer Bestandteil zum jeweiligen Werk, sei es im Stil antiker Epigramme als knappe Beifügung oder – wie z.B. in der zuletzt erschienenen Kompilation „komm morgen wieder Wirklichkeit“ – auch als umfangreichere Passagen poetischer oder eher fachlicher Texte.


Geblieben ist den Werken dabei der Wunsch, dass sie anregen mögen nachzudenken und im besten Fall als Diskussionsanstoß im Publikum Resonanzen erzeugen, während sich die Betrachter einen Zugang und eine Deutung der Bilder erarbeiten. In den Kommentaren zu Phils Werken im Internet findet dies bisweilen schon munter statt und soll sich – je intensiver desto besser – auch fortsetzen. Sicherlich ist das viel verlangt, aber immerhin warnt der Künstler offen und ehrlich: „Das sind keine Bilder für den flüchtigen Augenblick.“ Eventuelle Doppeldeutigkeiten bis hin zur Provokation, Unschärfen oder Bedeutungsüberlagerungen müssen einkalkuliert werden, von einfachen Antworten sei Abstand zu nehmen. Dennoch steht uns der Künstler für Rückfragen zur Verfügung.
Neu sei den neueren Werken zudem eine prinzipiell positivere Grundhaltung, zumindest gemessen an den Werken des Melancholie-Komplexes. Ggf. ist auch in diesem Zusammenhang der Künstler zu befragen.



In diesem Sinne möchte ich Sie alle einladen, sich noch ein wenig in die ausgestellten Bilder zu vertiefen und in Phils Sinn sich auf die Suche nach dem eigenen Zugang zu machen. Mit Hermann Hesse (Steppenwolf) und auf mehrfachen Wunsch eines einzelnen Herrn sei noch angefügt:
„Hier gibt es nur Bilder, keine Wirklichkeit.“
Und auf diejenigen, die sich genug Zeit dafür nehmen, wartet natürlich noch ein ganz besonderes Highlight: In wenigen Stunden können wir gemeinsam mit Phil auf sein Wiegenfest anstoßen.

Phil, danke für die schönen Bilder, die du uns hier zeigst, nochmals danke für die Einladung. Prost.

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Stefan Schmitt  •  im oberen Rech 4  •  68526 Ladenburg  •  Deutschland
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